Eines Morgens am Frühstückstisch.
An einem Tag im Januar 1987.
Das schriftliche Abitur stand an. Physik.
Mutter und Schwester waren bereits aus dem Haus.
Vor mir eine Tasse kalter Ovo. Mein übliches Morgengetränk. (Kaffee begann ich erst während des Studiums zu trinken.)
Ich, vertieft in die Lektüre ein paar eng beschriebener Zettel.
Alles wie immer.
Ich hatte mich vorbereitet wie bei den meisten schriftlichen Arbeiten. Exzerpte auf kariertes Ökopapier, meist mit Bleistift, meist beidseitig, teilweise ohne Freilinie, so dass wirklich seeeehr viel Text auf eine Seite passte. Ein paar kleine Zeichnungen hier und da.
Diese Zusammenfassungen waren (in diesem Fall) das Destillat von etwa zwei Wochen Vorarbeit (jeweils ein paar Stunden pro Tag).
Neben dem Lerneffekt durch das Durcharbeiten der Unterrichtsmaterialien war es meine Überzeugung, dass es durchaus hilfreich ist, sich direkt vor der Arbeit nochmal alles durchzulesen, zu rekapitulieren und somit zusätzlich ins Kurzzeitgedächtnis zu prügeln.
Ich also mittendrin.
Es war ja noch eine Stunde Zeit.
Plötzlich klingelt das Telefon im Flur. Ein grünes Scheibentelefon mit geschätzt 8m Schnur, postiert auf einem in Hüfthöhe an der Wand angedübeltem u-förmigen Gestell aus Plexiglas.
Ich nehme ab: 'Ja?'
Die Stimme am anderen Ende: 'Spreche ich mit Andreas Sittler?'
Ich (skeptisch erwartungsvoll): 'Ja!?'
Die Stimme: 'Hier spricht Fr. Weidner aus dem Sekretariat des Gymnasiums. Sie schreiben jetzt Abitur.'
Ich: 'Oh...'
Fr. Weidner: 'Am besten kommen Sie gleich hierher.'
Ich: 'Ja. Ich mache mich auf den Weg.'
In dem Augenblick, als ich den Telefonhörer auflegte, war jegliche etwaige Müdigkeit verflogen.
Alle Sinne waren geschärft. Mein Adrenalinspiegel stieg atemberaubend.
Fieberhaft dachte ich nach:
Meine schönen Extrakte. Was mache ich jetzt damit? Soll ich sie mir noch durchlesen? Ich hatte bis zu diesem Zeitpunkt höchstens 10% davon gelesen.
Nein. Dafür war jetzt keine Zeit mehr.
Ein letzter kurzer Blick musste reichen.
Die Tasse leergetrunken.
Zähne geputzt (oder doch nicht?)
Welcher Raum war das nochmal? Irgendwo musste doch der Zettel sein...Ach ja. Zimmer 2xx.
Dann ins Auto (ein gelber Audi 50, der später sein Leben auf einer Verkehrsinsel in Bad Krozingen aushauchte; andere Geschichte) und ab in die Bismarckstraße.
Geparkt (Glück gehabt) und rein, die Treppen des Anbaus hoch.
Vor der Tür erwartet mich bereits ein Lehrer (Ich weiss nicht mehr, wer es war.)
Der Lehrer: 'Beruhigen Sie sich erstmal. Durchatmen. Hängen Sie die Jacke hier auf.'
Ok, ok. Langsam runterkommen.
Dann die Tür auf und rein ins Zimmer.
Alle sitzen, schön verteilt über die Reihen, gebeugt über ihre Blätter und schreiben eifrig. Ansonsten Stille. Die gesamte Stimmung ein Zeichen absoluter Konzentration.
Leichte Panik macht sich wieder bei mir breit.
Ein Platz ist noch frei. Ganz vorne. Super. Egal.
Ein Lehrer: 'So, hier haben Sie Ihre Aufgaben. Viel Erfolg.'
In meiner Erinnerung waren es drei Aufgaben. Eine zu 'Beugung am Einzelspalt / Doppelspalt', die anderen sind mir nicht mehr erinnerlich. Ich habe es auch versäumt, mir nachträglich die Abituraufzeichnungen aushändigen zu lassen.
Ich habe mir also zuerst alle drei Fragenblöcke durchgelesen, und nachdem ich, zumindest grob, wußte, was ich zu tun hatte, wich die Anspannung doch deutlich.
Die nächsten drei Stunden war ich dann 'im Flow'.
Locker und beschwingt ging es dann im Anschluss nach Hause.
Im Briefkasten dann eine weitere Überraschung.
Ein Brief des Kreiswehrersatzamts.
Inhalt: T5. Dauerhafte Zurückstellung vom Wehrdienst.
Massiver innerlicher Jubel.
Und so kam es, dass, als meine Mutter nach Hause kam, ich sie ins Winzerhaus zum Essen einlud (was bis dato wirklich noch nicht vorgekommen war), um diesen durchaus ereignisreichen Tag noch einmal in würdigem Rahmen ausklingen zu lassen.
Ach so: Warum ich eine falsche Uhrzeit im Kopf hatte, weiß ich bis heute nicht.
/ansi
Es wird schwer, in ein paar Stunden 30 Jahre durchzukauen. Deshalb hier die digitiale Erweiterung. Wer Lust hat.
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